Gerhard Kehl zu Ernst Kolb



Eines vorab: Alle Informationen, die mir über Ernst Kolb zur Verfügung stehen, stammen von dem Schriftsteller Rolf Bergmann, der mir mit dem Buch "Der Mann mit der Plastiktasche - Erinnerungen an den Bürger Kolb"

(ISBN 3-929242-21-4) und den Recherchen zu seinem neuen Werk zu diesem Thema viele Einblicke und Erkenntnisse geliefert hat.


Ernst Kolb (1927-1993) war in Mannheim, um es salopp zu formulieren, bekannt wie ein bunter Hund. Auf jeder nur erdenklichen öffentlichen Veranstaltung war er anzutreffen: Vernissagen, politische Reden, Podiumsdiskussionen des elitären P.E.N.-Clubs, Eröffnungen jeglicher Art - und sei es auch nur bei der Enthüllung eines Straßenschildes gewesen. Immer mit dabei trug er seine Plastiktüten voller Papier, das er bei jeder Gelegenheit an sich nahm, sammelte, zu Hause stapelte und schließlich auch als Material für seine Zeichnungen nutzte. Gesellig zwar, aber oft mit mürrischem Gesicht und zerbeultem Anzug, gab er Gesprächspartnern stets nur einen kleinen Teil von sich preis. Und das ausschließlich im deftigen Mannheimer Dialekt. Offenbar sollte niemand zu viel über ihn erfahren. Je nach Gesprächspartner schuf er so ganz bewusst verschiedene „Bilder“ seiner Person.

Manche seiner Zeitgenossen empfanden ihn als "permanentes Ärgernis" (Zitat seines Vermieters) - es gab aber auch einen "Freundeskreis Ernst Kolb", der ihn sehr schätzte und versuchte, ihn mit Rat und Tat zu unterstützen. Andere wiederum nutzten seinen Bekanntheitsgrad und schmückten sich mit seiner Anwesenheit.

Kolb hatte das Bäckerhandwerk gelernt und übte diese Profession auch viele Jahre aus, bis er aus gesundheitlichen Gründen aus dem Beruf ausscheiden musste. Er zeichnete etwa seit seinem 40. Lebensjahr, aber erst mit knapp 60 hatte er eine erste Ausstellung in einer Galerie.

Kolb verehrte die bildende Kunst und gebildete Menschen.

Und er liebte das Reisen. Ein unglaublicher Zufall: Vom 24. Juli bis 9. August 1966 verbrachte Ernst Kolb seinen Jahresurlaub in Berlin. Er wohnte währenddessen im Hotel Berlin in der Kurfürstenstraße - also schräg gegenüber dem Haus am Lützowplatz, wo im Jahr 2012 dann "unsere" Ausstellung stattfinden sollte. Und als Kunstfreund sah er sich natürlich auch die damalige Ausstellung hier an. Nach 46 Jahren kehrte er postum mit seiner Kunst an diesen Ort zurück.

Nach einem Schlaganfall im Jahre 1991 verbrachte er seine letzten Lebensjahre in einem Pflegeheim.


Die Herkunft


Kolb soll in einem Eisenbahnerheim aufgewachsen sein. Der Vater war offenbar als Eisenbahner viel unterwegs und die Mutter zu krank, um sich um ihn kümmern zu können.

Seine Mutter, Hermine Kolb, wurde im Mai 1940 Opfer des nationalsozialistischen "Euthanasieprogramms". Im so genannten "Kampf gegen unwertes Leben" wurde sie in die Landespflegeanstalt Grafeneck bei Stuttgart geschafft. Ihre Sterbeurkunde benennt "Grippe und Rückenmarkentzündung" als offizielle Todesursache. Die Vermutung liegt nahe, dass sie tatsächlich, wie über 10.000 andere, in der eigens dafür eingerichteten Gaskammer ermordet wurde. Ihr Name findet sich heute im Namens- und Gedenkbuch der dortigen Gedenkstätte. Ob Ernst Kolb später von den wahren Umständen des Todes seiner Mutter erfuhr, ist nicht bekannt.

Seine Schwester Ruth brachte Jahrzehnte in der Nervenheilanstalt Wiesloch bei Heidelberg zu. Sie galt als "fortlaufend geisteskrank" mit "Eigen- und Fremdgefährdung". 1974 verstarb sie in der Anstalt.


Der Nachlass


Kolb hatte 23 Jahre lang in einem Zimmer gelebt, das zum Schluss offenbar mit allem vollgestopft war, was er im Alltag sammelte: Bücher, Kataloge, Prospekte, Einladungen, Bierdeckel, etc. Vom Vermieter vergrault, suchte sich Kolb im Jahr 1990 ein Zimmer in einer kleinen Pension. Ein ehemaliger Galerist und Kunstsammler ermöglichte Kolb, sieben Eierkisten und drei Koffer auf seinem Speicher einzulagern. Erst im Jahre 2009, also 16 Jahre nach Kolbs Tod, kamen diese Schätze wieder ans Licht. Die Kisten und Koffer enthielten unter anderem zahllose Zeichnungen und Tagebücher von Ernst Kolb. Sein Biograph nahm sich des Nachlasses an und forscht seitdem noch intensiver über diesen Mann, der trotzdem wohl immer auch ein Mysterium bleiben wird.


Museum


Das Museum „Collection de l‘art brut“ in Lausanne ehrt Kolb von Februar bis Juni 2018 mit einer Einzelausstellung (Katalog).